„Drei Tage sollten wir ohne Strom durchhalten“. Der Kreis Paderborn verstärkt den Bevölkerungsschutz. Die Verantwortlichen haben sich zum Ziel gesetzt, die Resilienz der Bevölkerung zu stärken. Zwei Praktiker sagen, was nötig ist, was fehlt und welche Vorbereitungen laufen.
Herr Starke, Herr Lüke, mit welchem Katastrophenszenario rechnen Sie derzeit am ehesten im Paderborner Land?
Bernd Lüke: Am wahrscheinlichsten ist wohl ein Stromausfall – von wenigen Minuten Dauer bis hin zu mehreren Tagen. Darauf richten wir verstärkt Beschaffung, Ausbildung und Infrastruktur aus. Zum Beispiel ist es wichtig, dass die sicherheitsrelevante Infrastruktur wie Rettungs- und Feuerwachen einsatzfähig bleiben.
Welche weiteren Lagen haben Sie im Blick?
Tobias Starke: Es geht auch um Naturereignisse wie Hochwasser. In OWL beschaffen wir derzeit einheitlich mobile Hochwasserschutzelemente anstelle von Sandsäcken, um uns auch kreisübergreifend auszuhelfen. Generell bauen wir ein vernetztes Krisenmanagement auf: Konzepte werden im Arbeitskreis Bevölkerungsschutz OWL abgestimmt, inklusive gemeinsamer Beschaffungen und Standards.
Reicht diese gegenseitige Unterstützung dann auch bei größeren Regen- oder Sturmlagen?Lüke: Bei regionalen Ereignissen ja: Wir unterstützen uns OWL-weit mit Mannschaft und Gerät, inklusive Bereitschaften der Kreise. Wenn ganz OWL flächig betroffen ist, wäre das eine andere Dimension – davon gehen wir nicht standardmäßig aus. Und wie gut sind Privathaushalte vorbereitet?
Starke: Der Eigenschutz ist vielerorts leider in den Hintergrund geraten. Wir müssen die Resilienz stärken. Dabei gilt ein einfacher Denkansatz: 72 Stunden – also drei Tage – sollten wir alle ohne Strom durchhalten können. Wichtig sind daheim Wasser, Lebensmittel, etwas Bargeld, Hygieneartikel. Auch die Informationsbeschaffung ist von großer Bedeutung: daher sollten Powerbanks geladen sein, idealerweise hat man ein Kurbelradio. So lassen sich Hinweise der Warn-Apps empfangen.
Haben Sie selbst denn genug Vorräte im Keller?
Lüke: Ja, klar. Immer wieder gibt es bei uns mal Gulasch aus der Dose, weil wir die Vorräte auch austauschen müssen, bevor die Haltbarkeit abläuft.Gibt es Anlaufstellen für Bürgerinnen und Bürger im Blackout?Lüke: Ja, in jeder Kommune gibt es so genannte Leuchttürme oder Wärmeinseln. Oft sind es Gemeinde- oder Stadthallen oder Gerätehäuser, wo es etwa Notstrom gibt. Dort kann man Handys laden, Geräte versorgen und Informationen erhalten. Laut Richtlinie des Bundesamts für Katastrophenschutz sollen solche Anlaufpunkte für jeden im Radius von etwa drei bis vier Kilometern fußläufig erreichbar sein.
Wie sind die zehn Kommunen im Kreisgebiet vorbereitet?
Lüke: Der Umsetzungsstand variiert zwischen den Kommunen. Insgesamt ist viel passiert, aber es gibt Luft nach oben. Es ist grundsätzlich eine Pflichtaufgabe für die Rathäuser, entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Finanziell ist das für die Kommunen aber auch herausfordernd.
Wie sind bei uns die Zuständigkeiten in einer Krise zwischen Kreis und Kommunen verteilt?
Starke: Katastrophenschutz ist föderal organisiert. Der Kreis ist untere Katastrophenschutzbehörde, er koordiniert und führt in den Lagen. Die Kommunen setzen Maßnahmen um. Es gibt einen gemeinsamen Katastrophenschutzbedarfsplan, der festlegt, was jede Kommune leisten sollte. Der Kreis führt die Aufsicht. Beispiel Stromausfall: Lösungen für diese Fälle werden kreisweit konzipiert, aber Kommunen setzen sie um.
Worum geht es im neuen Katastrophenschutzbedarfsplan?
Starke: Mit einer Unternehmensberatung und den Kommunen wurden Szenarien wie Hochwasser, Stromausfall oder Cyberangriff durchgearbeitet, Experten eingebunden und Maßnahmenkataloge entwickelt. Ziel ist es, Köpfe zu vernetzen: Alle Akteure in den Kommunen müssen wissen, wer ist Ansprechpartner, wo bekomme ich Informationen und Einsatzmittel. Der Plan befindet sich jetzt in Abstimmung.
Erschwert die unterschiedliche Topographie im Kreisgebiet die Planung?
Lüke: Weniger die Topografie, eher die Haushaltslage bremst. Die Kreisverwaltung mit dem Landrat an der Spitze geht derzeit in eine PR-Offensive zum Katastrophenschutz. Wieso?
Starke: Weil selbst ein sehr gut aufgestellter öffentlicher Katastrophenschutz in großen Flächenlagen nur begrenzt unterstützen kann. Wir wollen den Bürgerinnen und Bürgern Hilfe zur Selbsthilfe geben: die 72-Stunden-Vorsorge, die Informationsfähigkeit etwa über Warn-Apps – sowas ist wichtig zu wissen. Ziel ist die Sensibilisierung der Menschen, wir machen keine Panik. Regelmäßige Information erinnert an die Notwendigkeit zur Vorsorge. Und wenn wir etwa per Social Media unsere offiziellen Kanäle einführen, tragen wir auch dazu bei, in einer Krise den Wildwuchs an Gerüchten zu minimieren. Und solche Kanäle sind wichtig, um im Notfall freiwillige Helfer zu koordinieren.
Wie sichern Sie Ihre Kommunikation in Notlagen?
Starke: Viele Feuerwehren haben Starlink, Satellitentelefone und teils Satellitenfunk als Rückfallebenen. Das landesweite Digitalfunknetz wurde ertüchtigt, Basisstationen haben Ersatzstrom für mindestens 72 Stunden. Die kreiseigene Alarmierung über digitale Meldeempfänger ist akkupuffernd und notstromfähig ausgebaut. Zusätzlich wird eine weitere Rückfallebene geprüft. Was tun Sie, um kritische Infrastruktur zu schützen?Lüke: Kommunen und Kreis haben etwa Treibstoffvorräte, um bei Störungen tanken zu können. Diese Bestände wurden zuletzt erhöht. Betreiber von Krankenhäusern sind primär selbst verantwortlich und unserer Ansicht nach schon gut aufgestellt. Wir vernetzen uns untereinander, sind aber auch als Berater gefragt. Bei manchen privat geführten Pflegeheimen gibt es noch Lücken beim Notstrom. Die Betreiber sind in der Pflicht, wir können oft nur lageabhängig unterstützen.
Wie arbeiten Kreisleitstelle und örtliche Einsatzleitungen in Großschadenslagen zusammen?
Starke: Bei vielen gleichzeitigen Einsätzen schalten die Kommunen auf örtliche Einsatzleitung um. Die Leitstelle übermittelt Einsätze dann schriftlich, vor Ort werden sie priorisiert und mit vorhandenen Kräften abgearbeitet. Alarm- und Ausrückordnungen treten temporär zurück, Personal wird in die Gerätehäuser geholt und disponiert.
Schlafen Sie mit ihrem Wissen um drohende Krisen und den Vorbereitungsstand in der Region eigentlich ruhiger oder schlechter als andere Menschen?
Lüke: Ich schlafe ruhig – weil wir gut vorbereitet sind. Ein konventioneller Angriff etwa ist nach meiner Ansicht nicht das wahrscheinlichste Szenario, kritischer sind Effekte nach Cyberangriffen oder länger andauernden Stromausfällen. Wir haben kürzlich eine groß angelegte Übung zum Thema Blackout durchgeführt – die Abläufe funktionieren.
Ab wann würde ein Stromausfall wirklich kritisch?
Starke: 72 Stunden sind grundsätzlich gut beherrschbar, wenn sich jeder vorbereitet. Darüber hinaus wird es spürbar schwieriger – besonders bei großflächiger, länger andauernder Betroffenheit, wenn Ausweichmöglichkeiten fehlen.
Wo sehen Sie aktuell Grenzen des Bevölkerungsschutzes im Kreis Paderborn?
Starke: Vor allem baulich-organisatorisch im Krisenmanagement. Die vorhandenen Räumlichkeiten in der Kreisfeuerwehrzentrale in Ahden stoßen bei längerem Betrieb und vielen Beteiligten an Grenzen. Das hat die jüngste große Übung deutlich gezeigt. Es konnten nicht einmal alle Beteiligten räumlich zusammenarbeiten. Hier besteht dringend Bedarf zur Verbesserung. Das Projekt der neuen Kreisfeuerwehrzentrale verfolgen wir daher mit Hochdruck.
Das Gespräch führte Jens Reddeker.
Zwei erfahrene Retter
Tobias Starke (47) ist stellvertretender Amtsleiter im Amt 38, dem Amt für Bevölkerungsschutz beim Kreis Paderborn. Sein Werdegang begann 1990 mit dem Eintritt in die Jugendwehr der Freiwilligen Feuerwehr im lippischen Horn- Bad Meinberg. Über Stationen bei der Paderborner Feuerwehr und ab 2019 beim Kreis Paderborn stieg er 2025 durch Fortbildungen in den höheren feuerwehrtechnischen Dienst beim Kreis Paderborn auf. Bernd Lüke (57) ist stellvertretender Kreisbrandmeister. Der heutige Gemeindebrandinspektor aus Borchen trat 1986 in Dörenhagen in die Freiwillige Feuerwehr ein. Von 2011 bis 2026 stand er als Leiter an der Spitze der Borchener Wehr. Im Jahr 2024 folgte die Funktion als Vize-Kreisbrandmeister.
Text und Foto: Jens Reddeker/NW